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Katharina erzählt –  Die erste Kolumne von Studibuch. Hier schreibt Katharina, ehemalige Anglistikstudentin und mittlerweile Journalistin, über Geschichten aus ihrer Studienzeit, das Erwachsenwerden und vieles mehr.

Als Studierender hat man es nicht leicht. Die Tücken des Alltags lauern an jeder Uni-Ecke. Kaugummis auf Stühlen, ausgeleerter klebriger Automaten-Kaffee auf dem Flur, Kloaken-ähnliche Toiletten, Mausbefall in der Cafeteria. Ganz besonders gefährlich ist aber: Die Wände haben Ohren. Das hat mein Kommilitone Peter auch mal festgestellt.

Es war das erste Semester, Winter, draußen war es kalt.

Peter und ich hatten das selbe Seminar belegt und uns zum Abgeben der Hausarbeit verabredet. Als Neulinge an der Uni macht man ja viel gemeinsam. Egal ob man Räume sucht, Arbeitsaufträge löst, essbare Gerichte in der Mensa ausfindig macht oder eben Hausarbeiten abgibt. Peter und ich standen nun also da, das fertige Ergebnis ausgedruckt und abgeheftet in unseren Händen, stolz und irgendwie ängstlich sie in den Briefkasten am Institut zu werfen. So lautete nämlich die Anweisung unserer Dozentin: „Bitte ausdrucken und in den Institutsbriefkasten werfen“.

Nur gab es da leider ein kleines Problem. Weit und breit war kein Briefkasten zu sehen. Auch mehrmaliges Ablaufen der Gänge brachte keinen Erfolg. Schlau wie wir als Erstis zu sein dachten, fiel uns bald eine Lösung ein. „Ach, die hat bestimmt einen Briefkasten an ihrem Büro gemeint“, waren wir uns einig. Peter und ich wanderten zwei Stockwerke tiefer. Wir steuerten zielstrebig auf die Bürotüre zu, doch mit jedem Schritt wurden unsere Gesichter länger.

 

Wieder kein Briefkasten.

Dafür aber ganz viele teils zerfledderte Zettel an der Türe. Hinweise auf Scheinausgaben, Veranstaltungen, Notenlisten und… Sprechzeiten der Dozentin. Zu diesem Zeitpunkt war uns bereits bewusst, dass es anscheinend keine andere Möglichkeit gibt, als die Hausarbeit persönlich in die Hände der Empfängerin zu drücken. Peter war längst schon genervt und damit endgültig im Alltag eines gestressten Studenten angekommen. Irgendwie hatte man vor dem ersten Semester noch so eine ganze andere Vorstellung vom Studieren. Die allseits verbreitete Meinung, Studierende hätten ständig frei und nichts zu tun hatte sich auch in unsere Erwartungshaltung eingewoben. Während der ersten paar Vorlesungswochen wachten aber auch die verchilltesten angehenden Akademiker auf und stellten fest, dass das doch nicht alles so easy ist.

Peter und ich hielten aber durch und wollten jetzt unser erstes mühevoll geschriebenes Werk einfach nur abgeben. Aber selbst das wurde uns so erschwert. Für Peter war damit klar, wie er seine geistigen Ergüsse würdevoll nennen kann: „Wegen diesem Scheiß, muss ich jetzt nächste Woche noch mal herkommen“, platzte es lautstark aus ihm heraus. Dem Sprechzeitenblatt entnahmen wir nämlich, dass unsere Dozentin dann erst wieder Studierende empfangen würde.

 

So sollte es aber nicht kommen.

Einige Sekunden später öffnete sich die Türe schwungvoll und vor uns stand sie. „Sie können mir diesen Scheiß gerne geben. Nicht vergessen Herr Maier: Die Wände haben Ohren“. Wir hatten einen Schock. Einen der Sorte, der auch noch Monate und Jahre später seine Nachwehen zeigt. Im Prinzip stehen Wände mit Ohren für nichts anderes als Personen die Wahrheit zu sagen, wenn man das gar nicht will. So wie lästern, nur dass das Opfer hört, was man spricht.

Beides gibt einem kein gutes Gefühl, denn sonst bräuchte man ja nicht die Heimlichtuerei. Klar gibt’s auch Menschen, denen das total egal ist. Mir aber nicht. Seit dem Erlebnis mit Peter überlege ich deshalb immer was ich wo wie sage und ob ich die schlechten Gedanken nicht irgendwie anders kompensieren kann als verbal. Ganz getreu der Aussage von Winston Churchill: „Mit bösen Worten, die man ungesagt hinunterschluckt, hat sich noch niemand den Magen verdorben“.

 

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Katharina Klein

Katharina Klein

Katharina hat Anglistik studiert und schreibt für verschiedene Kanäle. Sie ist besonders an internationalen Themen und den großen Fragen des Lebens interessiert.
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