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Wir alle kennen das, wenn Mitmenschen über ihre Auslandserfahrungen sprechen: wir hören gespannt zu und erinnern uns daran, dass wir während des Studiums doch selbst mal für längere Zeit ins Ausland wollten. Wenn nicht während des Studiums, wann sonst?! Später im Beruf wird es immer schwieriger längere Zeit in einem anderen Land zu verbringen. Allerlei Glaubenssätze wie „Ich hab doch eh keine Chance!“ fallen einem dann ein und halten einen davon ab, es auch nur zu versuchen. Dieser Artikel will solche Glaubenssätze in Frage stellen und bei der großen Frage Auslandssemester ja oder nein helfen. Und los gehts!

„Es gibt nicht genügend Plätze über Erasmus!“

Das Gegenteil ist der Fall. Auf einen Platz kommen oft nur 2-3 Bewerber, selbst bei den begehrten englischsprachigen Ländern. Noch besser ist das Verhältnis bei weniger nachgefragten Zielgebieten wie Osteuropa. Manche Studienorte werden werden auch für Studenten mit einem bestimmten Schwerpunkt ausgeschrieben. Einige Plätze bleiben aber mangels Nachfrage, je nach Ort oder Schwerpunkt, sogar unbelegt und werden als Restplätze vergeben. Du hast also beste Chancen auf einen Platz!

„Man braucht gute Noten usw. “

Gute Noten, Praktika und Ehrenämter sind gut, aber nicht notwendig. Wer sich notentechnisch im Zweier-Bereich bewegt, braucht keine Nachteile zu fürchten. Und auch mit Noten im Dreier-Bereich hat man noch Chancen. Gerade bei Erasmus und manchen anderen Stipendien kannst Du durch Deine Bewerbungsunterlagen punkten, ganz besonders durch das Motivationsschreiben.

„Ich weiß nicht, was in die Bewerbung rein muss“

Oft wird ein Motivationsschreiben verlangt, in dem Du demonstrieren kannst, was Du durch das Auslandssemester fachlich dazu lernen willst. Vielleicht bietet Deine Gastuni den fachlichen Schwerpunkt an, in dem Du schon erste Prüfungen oder Tests geschrieben hast? Du bist dementsprechend informiert über das dortige Fachangebot, z. B. über die Seminare und deren Inhalte? Dann zeig das! Willst Du ins englischsprachige Ausland oder nach Skandinavien, ist es außerdem ein starkes Statement, das Motivationsschreiben und den Lebenslauf auf Englisch zu verfassen. Wichtig: Unbedingt vorher von einem guten Englisch- oder Muttersprachler überprüfen lassen!

„Ein Auslandssemester ist mir zu teuer!“

Der größte Knackpunkt ist wie immer: das Geld. Denn ein Auslandssemester ist zweifelsohne teurer als das Leben daheim während dem Studium und sollte vor der Bewerbung gut durchgerechnet werden. Wer über ein Stipendium eines Begabtenförderungswerkes verfügt, der wird in den meisten Fällen auch von diesem bei einem Auslandssemester gefördert. In einem anderen Blogbeitrag haben wir bereits für Dich zusammengefasst wie Du ein Stipendium bekommst. Zur Finanzierung  eines Auslandsaufenthaltes gibt es verschiedene Möglichkeiten:

Erasmus-Stipendium

Es gibt einmal das Erasmus-Stipendium, dessen Höhe sich allerdings (leider) nicht an der Bedürftigkeit des Studenten bemisst. Der Stipendiensatz variiert je nach Uni und Zielland und liegt zwischen etwa 150 bis 300 Euro pro Monat. Wer keine Überraschungen erleben will, sollte frühzeitig beim International Office nachfragen, wie hoch der Stipendiensatz ist und wie viele Monatsraten ausgezahlt werden. Dennoch lohnt sich das Programm, da es eine feste Kooperation zwischen zwei Unis darstellt, Ihr weniger Organisations-Aufwand habt und mögliche anfallende Studiengebühren übernommen werden. Erasmus Stipendien können zudem mit vielen anderen Stipendien kombiniert werden. Die Bewerbungsfrist für einen Auslandsaufenthalt im Wintersemester 2018/19 und bzw. oder im Sommersemester 2019 endet übrigens am 31. Januar 2018! Mehr über Erasmus erfahrt Ihr hier und an Eurer Hochschule.

Auslands-BaföG

Eine weitere wichtige Möglichkeit zur Finanzierung ist das Auslands-BaföG. Studenten, die Inlands-BaföG beziehen, haben normalerweise Anspruch auf das Auslands-BaföG. Aber auch Studenten, die kein Inlands-BaföG erhalten, können u. U. Auslands-BaföG-berechtigt sein, da die Fördersätze hierfür höher bemessen werden. Ein Versuch ist es also wert. Leider muss das Auslands-BaföG separat vom Inlands-BaföG beantragt werden und mindestens 6 Monate im Voraus. Hier gibt es weitere Infos zum Auslands-BaföG.

DAAD

Der Deutsche Akademische Austauschdienst vergibt außerdem Jahresstipendien für Studienaufenthalte. Die Stipendiensätze sind dabei um ein Vielfaches höher als bei Erasmus. Wer von einem Begabtenförderungswerk gefördert wird kann sich in der Regel nicht um ein zusätzliches DAAD Stipendium bewerben. Das gilt allerdings auch für die Bewerbungsvoraussetzungen. Die Fristen variieren je nach Region. Über den DAAD kann man außerdem nach weiteren Stipendien und Förderorganisationen suchen.

PROMOS

Das PROMOS-Stipendium ist eine weitere Option zur Finanzierung, insbesondere für diejenigen, die nicht über Erasmus ins Ausland gehen wollen oder können. Details dazu erfragt Ihr bei dem International Office Eurer Uni, denn jede Uni hat hier andere Vergabe-Regeln.

Länderspezifische Stipendien

Eine weitere Finanzierungsmöglichkeit können länderspezifische Stipendien sein. Beispielhaft seien hier das Fulbright-Stipendium für die USA oder Gostralia-Stipendien für ein Semester in Australien und Neuseeland genannt. Weitere Informationen zu dieser Art von Stipendien könnt ihr über Eure Wunschuni oder über öffentliche Einrichtungen Eures Ziellandes erlangen, die internationale Beziehungen fördern. Beispiele dafür wären der British Council und das Institut Français.

Weitere Informationen zu einem Stipendium im Ausland inklusive Erfahrungsbericht zum Leben in Australien und zur Finanzierung findest Du hier.

„Ein halbes Jahr ist mir zu lang!“

Manch einem ist ein halbes Jahr vielleicht zu lang und dann wird die Idee des Auslandssemesters schnell verworfen. Dabei ist es teilweise möglich, nur für drei Monate ins Ausland zu gehen. Der Grund dafür sind unterschiedliche Unterteilungen des Studienjahres: im englischsprachigen Ausland ist das Studienjahr häufig nicht in zwei Semester, sondern in drei „terms“ unterteilt. Wer sich also z. B. in England ausschließlich auf das Wintersemester bewirbt, hält sich dort „nur“ von Oktober bis Dezember auf. (Achtung: bei einer Bewerbung auf das Sommersemester bleibt man dann wieder 6 Monate dort!). Die Möglichkeit für 3 Monate Auslandsstudium besteht also. Die meisten anderen europäischen Länder allerdings haben wie wir das Studienjahr in Semester unterteilt.

„Das Zielland gibt es nicht an meiner Uni“

Es stimmt, dass Erasmus-Hochschulkooperationen nur eine sehr begrenzte Auswahl an Ländern und Universitäten zur Verfügung stellen. Da die Kooperationen auch noch einzeln je Fakultät abgeschlossen werden, kann es bei manchen Fakultäten ganz besonders mau aussehen. In Einzelfällen – besonders bei nicht-belegten Plätzen – kann es gelingen, über eine andere Fakultät in das entsprechende Wunschland zu gelangen, wenn die Hochschule das zulässt.

Studenten, die ganz auf eigene Faust in ein anderes Land gehen, werden als „free mover“ bezeichnet. Free mover haben den Vorteil, sich auf ihr Wunschland und ihre Wunschuni frei bewerben zu können. Sie haben allerdings auch mehr Nachteile, wie einen deutlich höheren Bürokratie-Aufwand und ggf. Studiengebühren. Für manche Länder gibt es hilfreiche Orgnisationen, wie zum Beispiel das bereits erwähnte Gostralia für Australien und Neuseeland. Einige gute Infos dazu sind in diesem Spiegel-Artikel zusammengefasst.

„Der Organisationsaufwand ist mir zu hoch!“

Zugegeben, es wird schon einiges an Organisationsaufwand verlangt. Personen und Institutionen, mit denen man immer wieder Kontakt aufnehmen muss, sind der Erasmus-Koordinator, das International Office, das Prüfungsamt, das International Office der Gasthochschule sowie der Anrechnungsbeauftragte. Üblicherweise sind die meisten aber bestrebt, Fragen und Probleme schnell und unkompliziert zu lösen. Die Bürokratie sollte kein ernster Hinderungsgrund sein, denn im Nachhinein ist alles halb so wild. Und vor allem: Es lohnt sich! Die gesammelte Auslandserfahrung kann Dir beim Start ins Berufsleben noch viel helfen.

„Die Noten werden zuhause eh nicht anerkannt!“

Probleme gab es in der Vergangenheit oft. Mittlerweile ist es jedoch leichter geworden. Der Anrechnungsbeauftragte, der verantwortlich für Anrechnung und Notenumrechnung Eurer Tests ist, ist grundsätzlich dazu angehalten, die im Ausland erbrachten Leistungen anzuerkennen. Dafür sollten die Leistungen an der Gastuni natürlich äquivalent zu denen in Eurem Studium vorgeschriebenen sein. Im Voraus wird zudem das Learning Agreement abgeschlossen, mit dem sichergestellt sein sollte, dass die Prüfungsleistungen nachher anerkannt werden.

„Meine Sprachkenntnisse sind viel zu schlecht!“

Für manche Zielorte werden tatsächlich bereits vor der Zusage Sprachkenntnisse erwartet. Dies ist in vielen Englischsprachigen Ländern der Fall. Generell gilt aber: Je exotischer die Sprache umso weniger Sprachkenntnisse werden vor Beginn des Aufenthaltes erwartet. Für viele Länder werden dann aber ausreichende Englischkenntnisse erwartet, da die Vorlesungen vor Ort oft auf Englisch gehalten werden. Die Frage ist dann natürlich wie gut man die Landessprache beherrschen muss um vor Ort gut Leben zu können. Sicherlich ist es hilfreich, wenn man Land und Leute besser kennen lernen möchte. Notwendig ist das aber nicht unbedingt.

„Wie ist das mit dem Urlaubssemester?“

Auslandssemester = Urlaubssemester? Nicht zwingend. Wichtig ist das Urlaubssemester vor allem für BaföG-Bezieher, weil die Förderungshöchstdauer durch ein Semester im Ausland überschritten werden kann. Da eine Beurlaubung einige Konsequenzen nach sich zieht, solltet Ihr Euch hierzu generell – ob BaföG-Student oder nicht – an Eurer Hochschule beraten lassen.

Wir hoffen, dass der Artikel einige Fragen klären und Zweifel ausräumen konnte. In diesem Sinne: Viel Erfolg bei Deinem Auslandssemester! Wenn Du weitere Fragen hast schreib sie gerne in die Kommentare. Ein Auslandssemester ist doch nichts für Dich, Du hast aber trotzdem Fernweh? Wie wärs mit Work and Travel oder mit Tipps für Backpacker?

 

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Rebecca Hummler

Rebecca studiert Soziologie in Nordrhein-Westfalen. Nach unzähligen wissenschaftlichen Hausarbeiten hat sie ihre Leidenschaft für das Schreiben von Blogartikeln entdeckt. Außerdem begeistert sie sich für Musik, Fremdsprachen und Bücher.