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Gedrucktes Buch oder E-Reader? Eine Frage, die die Gesellschaft auf ähnliche Weise zu spalten vermag, wie die Frage nach der Ananas auf der Pizza. Einige schwören auf das traditionelle Buch aus Papier, alleine schon wegen dem typischen Buch-Geruch. Andere belächeln Leute, die kiloweise Bücher in den Urlaub schleppen, während sie auf ihrem federleichten Gerät tausende von digitalen Büchern griffbereit haben. Auch die ökologischen Vorteile eines E-Readers werden immer wieder als Argument gebracht. Doch ist digital wirklich immer ökologischer als gedruckt?

Mehrere Studien, Arbeiten, etc. wurden schon zu dem Thema verfasst, eine allgemeingültige Antwort konnte keine davon liefern. Dennoch lassen sich daraus interessante Zahlen, Fakten und letztlich eben doch auch eine Antwort auf die Frage herauslesen, ob ich mir aus ökologischen Überlegungen lieber ein Buch oder einen eBook Reader kaufe. Die Zahlen dieses Artikels stammen aus einer der meistzitierten Studien zur Thematik, verfasst durch das Öko-Institut Freiburg. Andere Studien oder Arbeiten kommen teils auf andere Zahlen, die Grundaussagen dahinter bleiben aber im Normalfall dieselben.

Hinweis: Die Studie ist von 2011 und bezieht sich daher auf ältere eBook Reader

 

Digitale Tinte oder LCD-Display

Für ein besseres Verständnis, zuerst einen kurzen Überblick über die Technik und verschiedenen Variationen von E-Readern:

Die Displays klassischer eBook Reader unterscheiden sich von den üblichen LCD-Displays der Smartphones und Tablets. Sie reflektieren das Licht wie klassisches Papier und lassen sich damit auch in sonniger Umgebung problemlos lesen. Dies ermöglichen tausende kleine «Kügelchen», gefüllt mit weißen und schwarzen Pigmenten. Mittels Elektroden werden die Pigmente gesteuert und damit das gewünschte Bild produziert. Solche E-Ink-Displays ermöglichen gewaltige Akkulaufzeiten, da sie nur beim Umschalten Strom benötigen. Inzwischen befinden sich auch farbige E-Ink-Displays in der Entwicklung, die den Markt der digitalen Publikationen noch einmal erweitern würden (z. B. mit digitalen Hochglanzmagazinen). Vermehrt werden eBooks aber auch auf E-Readern oder Tablets mit klassischem LCD-Display genutzt ­­– eine Unterscheidung dieser beiden Kategorien ist für einen Ökobilanz-Vergleich nötig.

 

Herstellung von E-Readern

Bleiben wir gleich beim E-Reader. Aus umwelttechnischer Sicht ist die Herstellung der mit Abstand wichtigste Punkt. Rund 99% des Energieverbrauchs und der Treibhausgasemissionen eines klassischen E-Readers werden nämlich durch die Herstellung verursacht. Bei den Modellen mit LCD-Display sind es weiterhin gegen 80%.

In den Geräten sind mehrere wertvolle und seltene Metalle verbaut. Kupfer macht dabei den grössten Anteil aus, Silber, Gold und Palladium benötigt man oftmals ebenfalls. Die ökologischen Folgen des Rohstoff-Abbaus sind bekannt – Schwermetall-Freisetzung im Boden sowie Freisetzung von Giften. Kinderarbeit und miserable Arbeitsbedingungen außen vorgelassen. Neben den Rohstoffen spielt aber auch der Herstellungsort eine wichtige Rolle. Die meisten E-Reader werden in Asien produziert und müssen dementsprechend eingeschifft oder eingeflogen werden. Alles in allem benötigt die Herstellung eines E-Readers rund 36,5 kWh Energie und stösst ca. 8 Kg CO2 aus.

 

Und wie sieht es bei den gedruckten Büchern aus?

Durchschnittlich zehn Bücher à 200 DIN A5-Seiten liest eine Privatperson pro Jahr. Die Herstellung dieser Bücher ist mit einer großen Umweltbelastung verbunden. Es muss unterschieden werden zwischen Büchern aus Frischfaser- und solchen aus Recyclingpapier. Letztere machen leider gerade mal rund einen Fünftel aller Bücher der deutschen Verlage aus.

Dass es auch anders ginge, zeigte der kanadische Verlag “Raincoast Books”. 2003 druckte dieser eine Millionenauflage von “Harry Potter und der Orden des Phönix” auf 100 prozentigem Recyclingpapier. Dadurch sparte der Verlag beinahe 50 Millionen Liter Wasser und rettete rund 30000 Bäume vor der Rodung. Dennoch ist auch die Herstellung von Recyclingpapier kein Wellness-Programm für die Umwelt: Für die Papierherstellung der oben genannten zehn Bücher werden rund 9 Kg CO2 ausgestossen und 35,3 kWh Energie benötigt. Die Werte von Frischfaserpapier für die gleiche Menge liegen bei 11 Kg CO2 und 92,6 kWh Energiebedarf. Der Buchdruck macht dabei in beiden Fällen nur einen kleinen Anteil aus: ca. 10% bei Frischfaser- und ca. 20% bei Recyclingpapier.

 

Nutzung

Rund 14 Tage hält ein klassischer E-Reader bei durchschnittlicher Nutzung durch. bevor er wieder geladen werden muss. Ein Tablet im Vergleich muss jeweils bereits nach ca. acht Stunden wieder an die Dose. Im Schnitt verbraucht ein E-Reader 0,6 kWh pro Jahr, das Tablet kommt auf einen Jahresstromverbrauch von 3,5 kWh. Zahlen, die noch einmal klarmachen, dass die Umwelt hauptsächlich durch die Herstellung der Geräte Schaden – allzu viel kann man bei der Nutzung der Geräte also nicht falsch machen. Vielmehr spielt die Dauer und Häufigkeit der Nutzung eine entscheidende Rolle. Dazu mehr im Fazit.

 

Entsorgung

In diesem Punkt hingegen werden viel zu oft Fehler begangen. Die verwendeten Rohstoffe der E-Reader können fast vollständig zurückgewonnen werden. Trotzdem werden im Schnitt gerade einmal rund 20% aller Elektrogeräte ordnungsgemäß entsorgt. Die überwiegende Mehrheit landet im Hausmüll oder liegt ungenutzt zuhause rum. Gerade durch die zunehmende Knappheit der benötigten Ressourcen, wäre es wichtig, dass die Verbraucher und Verbraucherinnen mehr Rücksicht auf eine ordnungsgemässe Entsorgung nehmen. Auch Bücher verstauben oftmals in den Regalen, anstatt an neue Leser und Leserinnen weitergegeben zu werden.

 

Fazit

In einem Punkt sind sich eigentlich alle Studien einig: Auch wenn die Herstellung der Geräte und Bücher den grössten Teil der Umweltauswirkungen ausmachen, so ist es letztlich doch die Art der Nutzung, die entscheidend dafür ist, ob der Kauf eines E-Readers aus ökologischer Perspektive sinnvoll ist. Eine Amortisationsrechnung in der Freiburger Studie kommt zu folgendem Ergebnis: Ein E-Reader mit E-Ink-Display benötigt alles in allem gleich viel Energie wie 10,76 Bücher aus Frischfaserpapier bzw. 24,98 Bücher aus Recyclingpapier.

Sprich, sobald Du mehr Bücher liest, lohnt sich der Kauf eines E-Readers. Dabei rechnet man jeweils mit einer Nutzungsdauer von drei Jahren. Wer also jedes Jahr wieder das neuste Modell benötigt, muss noch einmal deutlich mehr lesen, um seinen Kauf ökologisch zu rechtfertigen. Bei den E-Readern mit LCD-Displays erhöht sich die Zahl auf 11,88 bzw. 31,3 Bücher. Noch einmal höher sind die Zahlen, wenn man das Treibhauspotenzial betrachtet, hier findet zwischen 21 und 35 digitalen Büchern eine Amortisierung statt.

Auch wenn man in solchen Rechnungen natürlich nie alle Faktoren berücksichtigen kann, so lässt sich doch das Fazit ziehen, dass man ab zehn Büchern pro Jahr einen Wechsel zur digitalen Variante in Betracht ziehen sollte. Je mehr man liest und je länger ein eBook Reader in Verwendung ist, desto besser fällt die Ökobilanz aus. Wer dennoch nicht auf das gedruckte Buch verzichten will, sollte darauf achten, Bücher aus Recyclingpapier oder aus zweiter Hand zu kaufen. Und anstatt das Buch danach im eigenen Regal verstauben zu lassen, gibt man es lieber gleich wieder weiter.

 

Anmerkung der Redaktion: In einem älteren Artikel haben wir schon einmal einen ökologischen Vergleich von eBooks und gedruckten Büchern aufgestellt. Dort haben wir gedruckte Bücher mit iPads verglichen. Diese haben eine deutlich schlechtere CO₂-Bilanz als die hier dargestellten E-Ink-Reader. Damit ein iPad 4 mini eine bessere CO₂-Bilanz als gedruckt aufweist, müssen 22 Bücher im Jahr gelesen werden. Beim iPad Air 2 sind es sogar 36. Zudem wird in diesem Beitrag nur auf die CO₂-Bilanz eingegangen. Beim Ausstoß an Stickoxiden sin eReader deutlich ineffizienter. Erst ab 77 (Frischfaser) Büchern sind diese im Vorteil. Daher bleibt die umweltschonenste Variante gedruckten Büchern ein zweites Leben zu geben. Einfach klimaneutral an Studibuch verkaufen.

 

 

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Flo Schütz

Flo Schütz

Florin studiert Geschichte und Publizistik an der Universität Zürich. Daneben arbeitet er als Journalist und Redakteur.
Flo Schütz