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Vor nicht allzu langer Zeit lernte ich Micha kennen. Wie man das heutzutage so macht, unterhielten wir uns per WhatsApp. Irgendwann geschah es, dass Micha meine Nachricht las, aber nicht antwortete. Die Wirkung bei mir war dieselbe, wie bei vielen anderen Frauen: Es machte mich wahnsinnig. Stunden vergingen, in denen ich bei jedem Aufblitzen des Handydisplays in freudiger Erwartung darauf starrte, nur um mir mitteilen zu lassen, dass Matthias Schweighöfer gerade ein neues Video bei Instagram gepostet hat oder dass meine Tante morgen zum Kaffee vorbeikommt.

Früher zerbrach sich niemand den Kopf, wenn man mal ein paar Stunden nichts voneinander hörte. Heute sind wir dank der ständigen Erreichbarkeit dazu verpflichtet auch verdammt noch mal ständig erreichbar zu sein und erwarten das auch von anderen. Besonders qualvoll wird diese Entwicklung, wenn es um romantische Konstellationen geht.
Keiner weiß heute noch, welche Verhaltensweise wie zu verstehen ist. Früher war alles eindeutig, heute heißt nichts irgendwas. Alles kann nichts oder alles bedeuten. Zeichen deuten hat eine neue Dimension erreicht. Wir sind verwirrt und schweben in der Luft, sezieren WhatsApp-Nachrichten, als hinge vom Aufstöbern einer versteckten Message unser Leben ab, und stellen dann, nach qualvollen Denksportübungen und Geschichtskonstruktionen mit der besten Freundin fest, dass wir einfach nicht dazu imstande sind, überhaupt irgendwas Zufriedenstellendes herauszufinden. Seit die blauen WhatsApp-Haken eingeführt wurden und die letzte Online-Zeit angezeigt wird, sind wir zu paranoiden Kontrollfreaks geworden. Wehe, der/die Liebste hat die Nachricht gelesen und nicht geantwortet oder war online und hat es noch nicht mal gelesen. Das Eifersuchts- und Katastrophenarmageddon tut sich auf.

Noch schlimmer sind ja diejenigen, die die Blaue-Haken-Funktion und Online-Zeitanzeige ausgestellt haben. Sie meinen besonders klug zu sein, und sich der ganzen Farce zu entziehen. Aber falsch gedacht. So ein Verhalten ist sehr verdächtig. Wieso will er/sie nicht, dass ich weiß, wann er zum letzten Mal online war oder ob er/sie schon meine Nachrichten gelesen hat? Ist er besonders freiheitsliebend, ein Betrüger, unnahbar, hat Geheimnisse, will sein eigenes Ding durchziehen oder macht es ihm vielleicht sogar Spaß andere auf diese Art zu ärgern? Ich weiß nicht, was schlimmer ist. Gar nicht zu wissen, ob das Geschriebene schon gelesen wurde, oder eben nicht, obwohl online gewesen, oder gelesen und nicht geantwortet und seitdem mehrmals online gewesen.

Wir steigern uns immer weiter in den Haken-Online-Sumpf hinein, bis wir darin feststecken und weder vor noch zurück können. Kommt dann die erlösende Botschaft, zieht sie uns in Nullkommanichts wieder aus dem Schlamassel und alles scheint vergessen – bis, ja bis, alles wieder von vorne anfängt. Es ist ein Teufelskreis. Dank dieser blöden blauen Haken, oder deren Nichtvorhandensein, scheint ein Liebesbeweis heutzutage nicht mehr ein Blumenstrauß zu sein, sondern die Frequenz, mit der jemand antwortet. Will der eine Partner den Anderen glücklich machen, ist das ganz einfach: Immer schön stetig antworten. Das macht den neuen Kerl dann direkt zum Traumprinzen. Andersrum wird Stille direkt als Desinteresse oder Liebesentzug gewertet. Da sind wir gnadenlos.
Micha, wie vermutlich die meisten Männer, sieht das natürlich nicht so. Also muss ich, wie vermutlich die meisten Frauen, locker bleiben und akzeptieren, dass Männer einfach anders kommunizieren als Frauen. Ob mir das gelingt? Ich lasse es Euch vielleicht irgendwann wissen.

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Katharina Klein

Katharina Klein

Katharina hat Anglistik studiert und schreibt für verschiedene Kanäle. Sie ist besonders an internationalen Themen und den großen Fragen des Lebens interessiert.
Katharina Klein