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Neulich traf ich während meines Aufenthalts am Flughafen von Istanbul Steve. Steve, schätzungsweise Mitte 20, setzte sich zu mir und begann zu reden. Finance und Accounting habe er studiert – in Großbritannien. Jetzt würde er zum ersten Mal seit zwei Jahren in seine Heimat Nigeria zurückkehren. Ich selbst war auf dem Weg zu einer Freundin nach Mumbai, die ich während des Studiums kennengelernt habe und seit drei Jahren nicht mehr gesehen hatte. Steve und ich bereisten also dank unserer Bildung, wenn auch aus verschiedenen Beweggründen, die Welt. Auslandssemester sind heutzutage normal, internationale Forschungsprojekte sowieso. Die Erde ist ein dicht vernetztes globalisiertes Hochgeschwindigkeitsnetz geworden. Allerdings nicht für alle. Wir, die vermeintlich studierte Elite, profitieren davon.

Millionen andere, vor allem auf solchen Kontinenten wie Asien und Afrika, leiden darunter. Sie bekommen kein Stück vom internationalen Zusammenarbeitswohlstandskuchen ab. Steve war privilegiert, hatte die Möglichkeit nach Europa zu kommen, um sich zu bilden. Ich bin privilegiert, weil ich in Deutschland geboren wurde, studieren konnte und die Welt bereisen kann. Wir profitieren von der großen Welt, die scheinbar nun ganz klein ist. Machen wir uns keine Gedanken um den abgehängten Teil der Erdbevölkerung? Doch, ich glaube schon. Aber in diesem Aspekt sind die anderen, eben diejenigen, denen es nicht so gut geht wie uns, seltsamerweise plötzlich ganz weit weg. Irgendwo in Afrika oder Asien oder Südamerika. Es tun sich andere Entfernungsdimensionen auf, wenn das Problem nicht direkt vor unserer Haustüre liegt. Denken wir an einen Urlaub in Thailand, sagen wir: „Wahnsinn, in 12 Stunden ist man dort. Das ist ja gar nicht weit“. Geht es um Kinderarbeit in Bangladesch, wird es schon weniger konkret: „Das ist ja am anderen Ende der Welt. Was sollen wir da von hier aus schon ausrichten?“. Vielleicht sollten gerade wir, denen reisen möglich ist, dorthin gehen, wo es wehtut. Nicht nur an den schönen Stränden flanieren, sondern auch mal in den verwinkelten Hinterhof schauen. Sind nicht wir es, deren Aufgabe es sein sollte aufzuklären, die Dinge zu verändern, das Sprachrohr anderer zu sein? Wenn nicht wir es machen, wer denn sonst? Die arme Bevölkerung selbst kann sich nicht aus den Zwängen der Weltwirtschaft befreien. Sie sind abhängig von ihr, um zumindest etwas Einkommen zu haben.

Als ich in Mumbai war, habe ich gesehen, wo ein Teil unserer Kleidung herkommt. Aus Dharavi nämlich, dem angeblich größten Slum Asiens. Ganz anders, als es sich vielleicht vermuten lässt, sind die Menschen dort aber nicht von der Armut gebeutelt, nicht wütend oder geknickt. Sie sind froh, zumindest ein bisschen was zu verdienen. Macht es das besser? Nicht unbedingt, aber es zeigt, wie man mit schon einer kleinen Veränderung der Löhne so viel besser machen könnte. Denn das Geld ist da, nur an der falschen Stelle.

 

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Katharina Klein

Katharina Klein

Katharina hat Anglistik studiert und schreibt für verschiedene Kanäle. Sie ist besonders an internationalen Themen und den großen Fragen des Lebens interessiert.
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