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Wir waren alle mal so richtig jung. Im Kindergarten schwebte uns noch vor Tierärztin oder Feuerwehrmann zu werden, Ballerina oder Baggerfahrer, auf jeden Fall wollten wir irgendetwas mit unserem Leben anfangen, das Spaß macht. In der Grundschule fing dann „der Ernst des Lebens“ an, so teilten mir es jedenfalls regelmäßig die Erwachsenen in meinem Umfeld vor dem ersten Schultag mit. Im Nachhinein betrachtet finde ich das ganz schön fies. Es klingt so, als ob von heute auf morgen Schluss wäre mit stundenlangem Spielplatz spielen und Ruhephasen in der Kuschelecke, gemeinsamen Mahlzeiten mit den besten Freunden. Schulbeginn bedeutet ein Stück des Kindseins abzugeben, man wird in ein Korsett geschnürt und der Tagesablauf mehr als je zuvor von Dingen bestimmt, die man eigentlich gar nicht machen will. Im Alter von sechs Jahren wird dem freien und unbeschwerten Leben ein Prellbock vorgesetzt. Fortan bewegt man sich zwischen Mathe-Doppelstunden, Nachmittagsunterricht und Hausaufgaben. Der Großteil des Tages wird in die Bildung investiert. Unsere Träume von früher verschwinden. Uns wird klar: Um Geld zu verdienen, muss man einen anständigen Beruf erlernen, im Idealfall sogar studieren. Hat man es bis zum Abitur geschafft, ist man zwischen 17 und 19 Jahre alt. Es liegt mehr als ein Jahrzehnt Schule hinter uns. Jetzt, plötzlich, wird man wieder in die Freiheit entlassen. Wir sind selbst für uns verantwortlich. Von quasi null Selbstbestimmtheit im Alltag auf 100 in wenigen Wochen. Kein Wunder, dass viele sich dann für den falschen Weg entscheiden. Wie sollen wir wissen, was wir wirklich mit unserem Leben anfangen wollen, wenn wir noch gar nicht richtig gelebt haben? Deshalb ist ein Studium, oder auch eine Ausbildung, die wichtigste Findungsphase unseres Lebens. Manche haben Glück und noch in der Schule den richtigen Riecher. Andere finden sich erst nach der Schulzeit wirklich selbst, entwickeln sich zu ganz anderen Persönlichkeiten, lernen neue Leute kennen, die andere Dinge machen, was einen selbst dann wieder beeinflusst. Kurz gesagt, zwischen 17 und 25 passiert fast noch mal so viel, wie in den gesamten Jahren zuvor.

Man trennt sich von der ersten großen Liebe, zieht aus, weiß zwar, wo man wohnt, aber nicht wo man im Leben steht oder wo die Reise hingeht.

Die Unbestimmtheit der Zukunft kann zur Belastung werden. Man zweifelt an allem und jedem, realisiert, dass aus Plänen nichts wird und am Ende alles anders ist. Man legt sich weniger gern fest, schaut erst mal was so passiert und dann wird man schon sehen. Man will flexibel bleiben, spontan, immer in Startposition, falls sich eine Möglichkeit auftut, die man auf keinen Fall verpassen will. Man lebt ja nur ein einziges Mal, man muss alles mitnehmen, was geht. So verbringt man einige Zeit, bis sich das schwebende innere Ich leise zu Wort meldet. Vielleicht wäre Verbindlichkeit doch nicht so schlecht. Ein bisschen Sicherheit, zumindest ein grobmaschiges Netz, wenn schon kein doppelter Boden vorhanden ist. Wir werden langsam älter, das Studium neigt sich dem Ende zu. Die Zukunft droht wieder mit einem engen Korsett aus festgelegten Tagesabläufen, die Zeit der Freiheit neigt sich scheinbar dem Ende zu. Dabei entstehen ganz andere Freiheiten, die aus Unabhängigkeiten resultieren. Man verdient mehr Geld als beim Studentenjob, ist nicht mehr auf BAföG oder die Eltern angewiesen, kann sich ein Auto kaufen, neue Möbel, tolle Reisen unternehmen, essen gehen, nicht mehr die billigsten Weine in den Einkaufswagen legen. Man fängt wieder an Pläne für die Zukunft zu machen, stellt sich vor, was man in den nächsten 10 Jahren alles erreichen will. Ob sich diese Dinge dann eher erfüllen als die Berufswünsche damals im Kindergarten, werden wir noch sehen. Wahrscheinlich kommt für immer sowieso alles anders als gedacht.

 

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Katharina Klein

Katharina Klein

Katharina hat Anglistik studiert und schreibt für verschiedene Kanäle. Sie ist besonders an internationalen Themen und den großen Fragen des Lebens interessiert.
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