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Vorlesungen ausfallen lassen, zu spät für Prüfungen lernen, Abgabetermine überschreiten – Alltag vieler Studierender. Das Phänomen ist unter dem Begriff Prokrastination bekannt, doch was steckt dahinter? Sind wirklich nur Studierende davon betroffen und worin unterscheidet sich die Prokrastination von Faulheit?

Was ist Prokrastination?

Beginnen wir mit einer Definition: Prokrastination bezeichnet das Aufschieben von Tätigkeiten, die erledigt werden müssten. Aufschieben bedeutet dabei nicht nur ein verzögertes Beginnen, sondern kann auch für ein ständiges Unterbrechen der Arbeit stehen. Am meisten davon Betroffen sind lästige Aufgaben wie Lernen, Putzen oder Arztbesuche. Doch auch ein Berufswechsel oder eine Trennung kann man aufgeschieben werden.

Das Phänomen ist weit verbreitet und war dementsprechend schon häufig Subjekt von Studien und anderen Veröffentlichungen. Dabei standen meist quantitative Fragen im Vordergrund, z. B. wie viele Studierende einer Universität von Prokrastination betroffen sind. Die Ergebnisse der Studien weichen erstaunlich wenig voneinander ab, es ist also sicher nicht falsch, nachfolgend ein paar grundlegende Aussagen der bisherigen Forschung zusammenzufassen.

 

Weit verbreitet und unterschätzt

Je nach Studie prokrastinieren bis zu 70% der Studierenden. Eine horrende Zahl, doch Abstufungen sind nötig. Für viele bleibt das Aufschieben ohne größere bzw. langfristige Folgen. Rund ein Fünftel der Deutschen leidet aber unter der Aufschieberitis, bei einem nochmals deutlich kleineren Teil entwickelt sich das Ganze zu krankhafter, behandlungsbedürftiger Prokrastination.

Depressionen sowie Versagens- und Bewertungsängste sind oftmals eng gekoppelt mit schwerer Prokrastination. Wobei die Frage nach Ursachen, Begleit- und Folgeerscheinungen nur schwer zu beantworten ist. Klar ist: Prokrastination sollte nicht verharmlost werden, da sie sich im Extremfall zu einer schweren psychischen Krankheit entwickeln kann oder Indikator für eine solche sein kann.

 

Kein Synonym für Faulheit

Prof. Dr. Manfred Beutel, Verfasser einer aktuellen und umfassenden Studie zur Thematik, schilderte ein Fallbeispiel: Es handelt von dem 32-jährigen Thomas, der sich im 20. Semester seines Studiums befand. Tagsüber schlief er, die Nacht verbrachte er vor dem PC-Bildschirm. Den Kontakt mit den Eltern mied er, um lästigen Fragen über sein Studium aus dem Weg zu gehen. Die Folge: Depressionen und Schlafstörungen. Dank eines Klinik-Aufenthalts kam er aus der Negativ-Spirale raus – doch viele Menschen meiden professionelle Hilfe, die Hemmschwelle sich solche zu besorgen ist groß.

Solche Beispiele stellen natürlich eine extreme Minderheit dar. Dennoch zeigen sie, dass Prokrastination und Faulheit keineswegs als Synonym zu gebrauchen sind.

 

Fehlende Struktur als Ursache

Bleiben wir gleich bei der Studie von Manfred Beutel et al. Sie dürfte eine der aussagekräftigsten Publikationen zur Thematik sein, da sie sich nicht nur auf Studierende beschränkt und zudem in einem relativ großen Rahmen durchgeführt wurde.

In der Studie kommt klar zum Vorschein, dass gewisse Faktoren das Prokrastinations-Risiko erhöhen. Am meisten Betroffen ist die Kategorie der 14-29-Jährigen. Männer tendenziell etwas mehr als Frauen. Ebenfalls mehr zum Aufschieben neigen Menschen ohne Festanstellung, was auch das Vorurteil erklärt, dass nur Studierende von Prokrastination betroffen seien.

Eine Erklärung zu diesen Erkenntnissen gab Beutel in einem Interview: «Wer meint, alle Zeit der Welt zu haben, bei dem liegt es näher, aufzuschieben, als wenn jemand im Gefühl lebt, seine Lebenszeit ist begrenzt. Das erklärt, warum Jüngere häufiger als Ältere betroffen sind. Ein weiterer Grund ist, dass insbesondere Studenten häufig wenig äußere Struktur im Alltag haben. Wer durch regelmäßige Arbeitszeiten einen strukturierten Tag ist, dem fällt Selbstdisziplin meist auch etwas einfacher.»

 

Medien verstärken das Problem

Solches Verhalten in jungen Jahren kann langfristige Folgen nach sich ziehen: Die Verfasser und Verfasserinnen der Studie bemerkten, dass betroffene Personen häufiger Single, öfter arbeitslos und einkommensschwächer waren. Ein weiterer, wichtiger Aspekt kommt in der Studie zum Vorschein – nämlich der Einfluss der Medien bzw. des Internets. Online-Aktivitäten bilden eine allgegenwärtige Ablenkungsmöglichkeit und können so das aufschiebende Verhalten enorm verstärken. Wie stark der Einfluss der Medien ist, lässt sich leider schwer belegen. Zahlen aus internetfreien Zeiten scheinen nicht zu existieren.

Etwas prokrastinieren ist völlig in Ordnung und gerade unter Studierenden und jungen Menschen weit verbreitet. Heikel wird es dann, wenn die Aufschieberei zur Normalität wird, da mit der Zeit langfristig negative Folgen für die persönliche Gesundheit, Privatleben und Karriere entstehen können.

Hast Du jetzt nach dem Lesen einen Eindruck von Prokrastination und seiner Bedeutung bekommen? Was ist Deine Meinung zu diesem Thema? Wenn Du auch das Gefühl hast manchmal ungewollt zu prokrastinieren oder zumindest zu Aufschieberitis zu neigen, dann schau am 22. Januar wieder auf unserem Blog vorbei. Dann erwartet Dich ein Artikel mit hilfreichen Tipps gegen Prokrastination und interessanten Eindrücken von Studenten!

 

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Flo Schütz

Flo Schütz

Florin studiert Geschichte und Publizistik an der Universität Zürich. Daneben arbeitet er als Journalist und Redakteur.
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