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Der poetische Titel verspricht vielleicht eine gedankenverlorene Interpretation von Liebe als einen ästhetischen Akt, der am treffendsten mit der flapsig formulierten „Gefühlsduselei“ bezeichnet werden kann. Aber das Gegenteil ist der Fall: Erich Fromm betrachtet in seinem Buch „Die Kunst des Liebens“ jenes Phänomen aus einer sehr analytischen Sicht und plädiert für eine rationale Auffassung von Liebe, die weit über die romantische Vorstellung hinausgeht und zusätzlich einen kritischen Blick auf die Möglichkeit zu Lieben in einer kapitalistischen Gesellschaft wirft. Ob dies Hoffnung oder Frust schafft, bleibt Interpretation.

Die Einflüsse Fromms aus der Philosophie, Psychoanalyse und Sozialpsychologie sind in seiner Abhandlung klar zu erkennen.

Ebenso kann man seine freudomarxistische Prägung implizit, aber auch explizit in kritischen Bezugnahmen auf Freud erkennen. Als Kind einer streng jüdischen Familie wollte Erich Fromm jedoch zunächst Rabbiner werden. Er entschied sich aber erst für ein Studium der Rechtswissenschaften, später für Soziologie. Als Jude – in Deutschland verfolgt – floh er in der 1930er Jahren in die USA aus. Dort etablierte er sich schließlich (nicht ohne Gegenwind) vor allem durch seine gesellschaftskritischen Beiträge in der Psychoanalyse. „Die Kunst des Liebens“ gehört zu seinen bekanntesten Veröffentlichungen.

In seinem 1956 erschienenen Buch stellt Fromm also zunächst die Frage, inwieweit Lieben oder die Liebe eine Kunst ist, die man beherrschen und üben muss. Jede*r Lesende kann sich schnell beantworten, dass er eine bejahende Antwort darauf findet. So beschreibt er folgend eine Theorie und die verschiedenen Arten von Liebe, darunter die Nächsten- und Selbstliebe, die mütterliche und erotische und die Liebe zu Gott. Sein Werk mündet in einer Verortung der Liebe in der westlichen (kapitalistischen) Welt und Gesellschaft sowie einer Beschreibung der Praxis des Liebens.

Interessant ist vor allem, dass Erich Fromm nicht von der Liebe als ein Phänomen, das da ist oder eben nicht, spricht.

Vielmehr geht es eben um den Akt des Liebens. Ein solcher muss aktiv ausgeführt und gepflegt werden und fliegt niemandem zu. Hierin liege auch die Unterscheidung zum Verlieben, das durch Hormone gesteuert wird, affektiv entsteht, aber auch irgendwann abflacht. Lieben sei demgegenüber eine rationale Entscheidung, es sei aktiv zu erlernen und stetig weiter zu üben – eben deshalb eine Kunst.

Einen besonderen Irrtum unserer (bzw. seiner) Zeit zieht Fromm in dem Glauben, die Problematik der Liebe sei jemanden zu finden, von der oder dem man geliebt werde. In Wirklichkeit sei das Problem aber das eigene, wahrhafte Lieben. Auch die Strukturen der kapitalistischen Gesellschaft spiegeln dies wider und deshalb gebe es nur wenige Menschen, die überhaupt noch in der Lage seien wirklich zu lieben.

Fromm ist kritisch zu lesen.

So beschwört er beispielsweise die Abnormalität von Homosexualität – ein Gedanke, den heute hoffentlich kein Wissenschaftler mehr so in seinen Veröffentlichungen hervorbringt, der aber 1956 vermutlich durchaus verbreitet und akzeptiert war. Auf der anderen Seite tritt er Freud bestimmt entgegen. Letzterer behauptete beispielsweise, die Libido der Frau sei nur eine Ausgestaltung der männlichen. Für Fromm gibt es aber sowohl eine männliche als auch eine weibliche Sexualität, womit er das Feld der Gleichberechtigung zumindest betritt. Dies darf sicherlich zu seiner Zeit schon als emanzipiert betrachtet werden.

Persönlich stießen mir weiter die vielen Bibelstellen auf, die Fromm zitiert und auf die er nicht nur Teile seiner Argumentation über Gottesliebe stützt. So ist ja das biblische Wort eben kein allgemeingültiges, sondern eines, das aus einer bestimmten religiösen Prägung hervorgeht und das man in seiner Gänze auf keinen Fall teilen muss. Oft zitiert Fromm hier allerdings Aussagen zu christlichen Werten, wie Nächstenliebe, die auch auf die Werte nicht-christlicher Personen übertragbar sind. So stellt er auch klar, dass er selbst zum Verfassungszeitpunkt des Buches keiner theistischen Auffassung folgt.

Man mag von Fromms Abhandlung halten, was man will. Ihn als veraltet zu beschreiben, wäre nach den genannten Beispielen sicherlich keine weit hergeholte Kritik. Was dieses Buch aber auf jeden Fall lesenswert macht, ist das Thema an sich. In einer Welt, in der (persönliche) Emotionen am größten in erdachten Telenovelas eine Rolle spielen und in beruflichen, oft auch wissenschaftlichen Bereichen als Empfindlichkeiten oder nebensächlich abgetan werden, kann solch ein Buch für Distanz zu den eigenen Liebesproblematiken und zugleich eine Beschäftigung mit Liebeskonzepten wie zum Beispiel der Selbstliebe im Allgemeinen schaffen.

Mit Praxisbezügen und einer klaren Sprache ist „Die Kunst des Liebens“ auch für Nicht-Psycholog*innen ein empfehlenswertes Werk, das letztlich für Menschlichkeit steht.

Hast Du das Buch bereits gelesen? Was hälst Du davon? Oder willst Du es noch lesen? Wir sind gespannt auf Deine Kommentare!

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